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Elf Tage Kino total – Warum die Berlinale einen Besuch wert ist

Jedes Jahr im Februar lockt in Berlin Deutschlands größtes Filmfestival elf Tage lang Filmschaffende und Filmfans in die Hauptstadt – die Berlinale! Auch mich zieht es seit acht Jahren alljährlich dorthin und jedes Mal muss ich daheim Gebliebenen die Frage beantworten, was genau da eigentlich los ist. Ich hoffe, der folgende Blogartikel kann etwas Licht ins Dunkle bringen und erklären, was einen auf der Berlinale erwartet.

Grundsätzlich ist die Berlinale ein Filmfestival (nicht zu verwechseln mit Veranstaltungen wie den Acadamy Awars, bei denen es sich nur um eine Preisverleihung handelt). Jeder Filmschaffende kann sich also mit seinem Film dort bewerben und die von einer Jury ausgewählten „Gewinner“ laufen dann im Verlauf der elf Tage in verschiedenen Berliner Kinos in unterschiedlichen Kategorien. Am Ende werden dann die „goldenen Bären“ an die „besten“ Filme und Akteure verliehen – wiederum von einer Jury bestimmt.

Bei den Filmen handelt es sich vor allem um Spielfilme, seltener um Dokus und um ein paar wenige Kurzfilme. Deutsche Produktionen sind dabei in der (deutlichen) Minderheit, es werden vor allem ausländische Filme gezeigt. Dabei handelt es sich oft (aber nicht immer) um politisches Arthousekino.

Das ist nicht zwangsläufig mein Ding weshalb ich mit meinen Begleitern irgendwann die interne Regel aufstellte: wir schauen uns nichts an, was uns nicht auch unter normalen Umständen interessieren würden. Zu oft strapazierten schwierige, nicht verständliche Filme unsere Nerven und unsere Zeit.

Da die meisten Filme auf der Berlinale ihre Weltpremiere haben, gibt es vorher auch keine Kritiken zu lesen, so dass die Auswahl der zu schauenden Filme meist Glückssache ist. Allerdings laufen jedes Jahr auch ein paar (meist US-amerikanische) Mainstreamfilme mit großen Stars. Da diese thematisch meist nicht so recht ins sonst so politische Berlinale-Programm passen wollen, kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass es bei ihrer Auswahl vor allem um Hollywoodstars auf dem roten Teppich und nicht die Qualität der Filme geht. So lief dieses Jahr zum Beispiel auch die Coen-Komödie „Hail, Ceasar!“ oder vor wenigen Jahren der mittelmäßige „Monuments Men“.

Die Karten für die Filme und alle anderen Veranstaltungen kauft man für elf Euro (Stand 2016, die Karten scheinen aller zwei Jahre einen Euro teurer zu werden) maximal drei Tage im voraus an diversen Verkaufsständen, zum Beispiel in den Arkaden am Potsdamer Platz. Hier herrscht übrigens höchste Schlangen-Steh-Gefahr, Karten für große Premieren oder beliebte Filme sind meist in kürzester Zeit ausverkauft. Der frühe Vogel fängt hier also wiedermal den Wurm…

Aber was ist der Reiz, Filme auf der Berlinale zu schauen? Oft ist beispielsweise das Filmteam anwesend und stellt sich am Ende noch den Fragen eines Moderators und der Zuschauer. Außerdem sitzt man (wie ungewohnt) fast immer in vollen Kinosälen. Das Publikum ist interessiert und leise, also keine Quatschereien während des Films und oft Applaus am Ende. Die technische Präsentation ist perfekt, dieses Jahr wurden zum Beispiel viele Filme in gestochen scharfem 4K auf die Leinwand projiziert, der Ton ist auf den Punkt genau gepegelt. Und zu guter Letzt hat man die Möglichkeit viele Filme zu sehen, die in Deutschland vielleicht nie im Kino laufen werden, weil sie einfach keinen Verleiher finden.

 

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Schauspieler und Regisseur Tim Robbins erhält von Berlinale-Leiter Dieter Kosslick einen Ehrenpreis bei einer Sondervorführung des Klassikers “Dead Man Walking”. 

 

Was mir an Filmen auf der Berlinale übrigens die größte Freude bereitet, sind oft gar nicht die aktuellen Filme, sondern die Filme aus den Reihen „Hommage“ oder „Retrospektive“. Jedes Jahr haben diese ein anderes Thema (2016 zum Beispiel Filme des Kameramanns Michael Ballhaus) und man hat die Möglichkeit, Klassiker restauriert nochmal im Kino zu sehen. So kam ich schon in den Genuss, Meisterwerke wie „Lawrence from Arabia“, „Magnolia“, „Goodfellas“, „Dead Man Walking“, „Citizen Kane“ oder „Taxi Driver“ – teils in Anwesenheit von Teilen des Filmteams – nochmal im Kino zu sehen!

Doch neben den Filmen war es von Anfang an vor allem ein anderes Angebot, welches die Berlinale für mich besonders attraktiv machte: die vielen Podiumsdiskussionen und Fragerunden mit Filmemachern aus der ganzen Welt. Die finden meist in einen der drei Theatersäle des „Hebbel am Ufer“ statt und für wieder elf Euro Eintritt hat man die Möglichkeit, den ganz Großen der Branche zuzuhören und am Ende sogar Fragen zu stellen. Auf diese Weise kam ich unter anderem schon in Kontakt mit Alexandre Desplat (Filmmusik-Komponist „Argo“), Keanu Reeves (Schauspieler „Matrix“), Paul Verhoeven (Regisseur „Basic Instinct“), Darren Aronofsky (Regisseur „Black Swan“), Walter Murch (Editor „Apocalypse Now“), Janusz Kaminski (Kameramann „Schindlers Liste“), Armin Mueller-Stahl (Schauspieler „Illuminati“) und vielen weiteren.

 

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Kameralegende Michael Ballhaus kurz nach der Aufführung seines Films “Goodfellas” im Gespräch mit dem Moderator.

 

Diese Gesprächsrunde vermitteln oft einen tiefen Einblick in die Branche und inspirieren mich, in meiner eigenen Arbeit neue Dinge auszuprobieren oder ganz einfach Filme und Serien unter anderen Blickwinkeln zu betrachten. Auf alle Fälle sind sie auch für „Film-Laien“ sehr interessant, die Karten kauft man wie Kinokarten ganz normal an den üblichen Verkaufsständen. Und manchmal finden sie sogar kostenfrei statt, zum Beispiel im Filmmuseum am Postdamer Platz oder in der Audi-Berlinale-Lounge.

 

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Gesprächsrunde über die Postproduktion des schwedischen Komödienerfolgs: “Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach”.

 

Wer noch mehr Hollywood-Feeling braucht, kann sich außerdem vor den Berlinale-Palast an den roten Teppich stellen, hier finden jeden Tag mehrere Premieren statt und etliche Stars geben sich die Klinke in die Hand. Oder er kann auf eine der unzähligen Berlinale-Partys gehen, wo auch immer eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, der ein oder anderen Berühmtheit über den Weg zu laufen.

Was mich also jedes Jahr an der Berlinale fasziniert, ist die Summe all dieser Möglichkeiten. Zum einen kann ich mich beruflich weiterbilden, zum anderen ausgiebig mein Hobby ausleben und zu guter Letzt die in Deutschland sonst nicht vorhandene Atmosphäre der „großen Filmwelt“ schnuppern. Nirgendwo sonst findet man so konzentriert soviel Kino auf einmal!

 

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Schauspieler Oliver Wnuk im Gespräch mit Moderator Thorsten Otto in der Audi Lounge direkt vor dem Berlinale Palast.

 

– written by Alexander Schulz