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Independence Day: Die Wiederkehr – Eine Problemanalyse

Independence Day war einer der großen Actionfilme der 90er. Ich würde sogar noch weitergehen und ihn als wegweisend bezeichnen, da er in seinen Genre Maßstäbe setzte: die katastrophalen Folgen eines Angriff von Außerirdischen wurden noch nie so „realistisch“ und bombastisch inszeniert, dazu kam ein sympathischer, spielfreudiger Cast, ein spannender Build-up und natürlich die damals unglaublichen Spezialeffekte. All das wurde vom deutschen Regisseur Roland Emmerich mit einer Leichtigkeit und einer humorvollen Note verknüpft, die den Film zu Recht zu einem Megaerfolg machten (Kosten von ca. 75 Millionen Dollar standen einem weltweiten Einspielergebnis von 817 Millionen Dollar gegenüber – allein in der Kinoauswertung).

Zwanzig Jahre später soll Teil zwei – Independence Day: Die Wiederkehr – diesen Erfolg wiederholen. Und scheitert bis jetzt finanziell kläglich. Bei Kosten von ca. 165 Millionen Dollar (ohne Marketingbudget) spielte der Film bis jetzt (Stand: 30. Juli 2016) nur 362 Millionen Dollar ein. Warum aber haben fünf (!) Drehbuchautoren, viele Darsteller von Teil 1 und der in diesem Genre routinierte Emmerich es nicht geschafft, das Franchise fortzuführen, alte Fans zu aktivieren und Neue dazu zu gewinnen?

Ich hatte im Kino viele lange Minuten Zeit, mir darüber Gedanken zu machen und möchte meine kleine Filmanalyse teilen. Dabei erhebe ich natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit und bin mir außerdem sicher, das nach mehrmaligen Sehen, einer Scene-by-Scene-Analyse, einem tiefergehenden Beschäftigung mit dem Original Drehbuch und den Produktionsbedingungen die Kritik noch deutlich umfangreicher ausfallen könnte.

Woran scheitert also Independence Day: Die Wiederkehr (Achtung, Spoileralarm!):

  • Der Cast. Independence Day 2 schneidet zwischen fünf Hauptpersonen und etlichen weiteren Nebenpersonen hin und her. Keine der vielen Figuren ist als klassischer Hauptcharakter angelegt, keiner ist wirklich interessant, keiner wirklich wichtig. Einzig die Charaktere aus Teil 1 sind durch ihren Nostalgiebonus sympathisch. Die neuen Figuren sind blass, langweilig und taugen durch ihre von Anfang an fehlende Angst und ihr hohes soldatisches Können nicht zur Identifikation. Ich erinnere gerne an Teil 1 zurück: Ein grundsympathischer Will Smith hatte hier eine Familie zu beschützen, war von den Ereignissen anfangs genauso überrollt wie der Zuschauer, musste erst zum Held werden. In der Fortsetzung herrscht von Beginn an Abgeklärtheit, die Erdung der Charaktere in der Realität fehlt komplett. Ken und Barbie kämpfen um die Erde – das kennt man sonst nur aus Starship Troopers. Und der war eine Satire.
  • Die Welt. Hiermit tat ich mich besonders schwer. Was für eine Welt präsentiert uns Independence Day 2 eigentlich? War Teil 1 in der uns bekannten Realität angesiedelt, spielt Teil 2 in einer alternativen Realität, in der sich die Menschen die Alien-Technologie inzwischen zu eigen gemacht haben und in einer Art James-Cameron-Gedächtnis-Zukunft leben. Das mag auf dem Papier interessant und logisch klingen, im Film funktioniert es aber leider nur bedingt. Ein großer Teil von Independence Day 2 spielt in irgendwelchen Raumschiffen, auf fremden Planeten oder – wenn wir uns dann doch endlich (!) auf die Erde begeben – in High-Tech-Beton-Bunkern. Ich habe diese Welt zu keinem Zeitpunkt wirklich verstanden. Warum benutzen die Menschen normale Handys und Laptops, fliegen aber mit Scifi-Gravitationsantrieben umher und nutzen Laser (?) Waffen. Wie wirken sich die technischen Innovationen auf das Leben des normalen Bürgers aus? Wie lebt dieser überhaupt? Gibt es ein Leben abseits der kalten Militärbasen?
  • Die „Erdung“. Aus der unklaren Welt, in der Independence Day 2 angesiedelt ist, folgt für mich direkt eines der größten Probleme des Films, die „Erdung“ (selten war das Wort so passend wie hier). Teil 1 lebte davon, dass die Katastrophe für den Zuschauer so greifbar war, weil sie in die uns bekannte Welt einbrach und die Protagonisten des Films genauso überrascht hat wie uns. Bei Teil 2 greifen die Aliens eine uns unbekannte, sterile Zukunftswelt an, in der wir nie die Zivilbevölkerung oder dessen Leben kennengelernt haben und bekommen es mit Protagonisten zu tun, die von dem Angriff nicht wirklich überrascht sind. Während der Kinovorstellung musste ich an den letzten Star Wars Film, „Das Erwachen der Macht“ denken. Auch dieser hatte in meinen Augen das Problem, das die Welt, um die das neue Imperium und die Rebellen so erbittert kämpften und die teilweise vom Todesstern ausgelöscht wurde, nie gezeigt wurde. Wer war die Zivilbevölkerung, die es zu retten galt? Wie lebte sie? Warum soll der Zuschauer um sie bangen? Eine emotionale Verbindung zum Zuschauer findet auch in Independence Day nicht statt. Das Ziel der Protagonisten ist uns egal, weil uns die Welt egal ist.
  • Der Angriff der Aliens. Hier versagt das Drehbuch in meinen Augen völlig. Schafft es Emmerich sonst auch in seinen schlechten Filmen (allen voran „Godzilla“) zumindest ein vernünftiges Katastrophenszenario aufzubauen, gelingt ihm das in Independence Day 2 nicht. Den ersten Teil des Film findet die Action im Weltraum statt. Auf austauschbaren Militärraumschiffen, die mir vollkommen egal waren. Dann – ENDLICH – erreicht das Alienraumschiff die Erde und erfüllt kurz das Versprechen an den Zuschauer: es zerstört Städte, bedroht die Welt. Denn warum schaut man sich Independence Day an? Weil man sehen will, wie ein Raumschiff das weiße Haus zerstört! Weil man sehen will, wie sich eine riesige Alieninvasion auf die Menschheit auswirkt! Doch dieser Filmteil ist winzig und betrifft nur die wenigen Minuten, die das Alienraumschiff auf der Erde landet. Hier werden kurz einige Städte sprichwörtlich aus den Angeln gehoben, Gebäude fliegen durcheinander – und das wars. Nie wieder werden wir im darauffolgenden Film das sehen, weswegen wir die Kinokarte gelöst haben. Stattdessen findet ab jetzt alle Action in besagten grauen Militärbunkern, in der Wüste oder in Alienraumschiffen statt. Langweilig.
  • Die Story. Was, die Handlung in dieser Liste nur an fünfter Stelle? Das hat gute Gründe. Natürlich spielt die Story in jeden einzelnen der vorherigen Punkte die ausschlaggebende Rolle, natürlich ist das Drehbuch wie immer der Hauptverantwortliche fürs Scheitern. Aber in einem Actionblockbuster wie Independence Day ist der Zuschauer eher dazu bereit, bei Logik, Kohärenz, Struktur und Dramaturgie ein Auge zuzudrücken, wenn denn die „Verpackung“ stimmt. Doch die stimmt hier nicht und so rücken auch die Probleme der Story sehr augenscheinlich in den Vordergrund. In vielen Momenten des Films war mir nicht klar, was hier eigentlich genau passiert. Charaktere tun in hoher Geschwindigkeit Dinge, die mit scheinbaren militärischen-zukunfts-Fachjargon erklärt werden. Schaut man sie sich jedoch näher an, ergeben sie oft keinen Sinn, dient der oft genutzte Quick-One-Line-Cover-Up „Das geht wegen Alientechnologie!“ nur dazu, Drehbuchlücken zu überdecken. Da gibt es eine ganze Nebenhandlung, in der Judd Hirsch mit einem Schulbus voller Kinder durch die Wüste fährt, die zwar visuell interessant ist, aber für die Handlung absolut keine Relevanz hat. Da gibt es eine scheinbar von Apple designte, außerirdische Kugel, die einem Deus-Ex-Machina gleich, die Lösung aller Probleme darstellt, die aber in ihrer inszenatorischen Ausführung so lächerlich ist, das man sie in einer Parodie á la Scary Movie nicht anders darstellen würde. Da werden langweilige Charaktere wie der Kumpel von Liam Hemsworth überlang eingeführt, obwohl sie im weiteren Film nie wieder eine nennenswerte Rolle spielen. Da wird die Präsidentin der USA in einer schrägen Szene getötet und durch einen neuen General ersetzt, aber auch das hat keinerlei Auswirkung auf die Story. Da werden ganze Kontinente vernichtet, aber den handelnden Personen scheint das nichtmal ein Nebensatz wert zu sein. Das Drehbuch von Independence Day 2 steckt so voller offensichtlicher Probleme das schwer nachzuvollziehen ist, wie das nach über 15 Jahren Wartezeit durchgewunken, ja mit 200 Millionen Dollar finanziert werden konnte.
  • Die Effekte. CGI wohin man schaut. Punktete Teil 1 noch mit einer geschickten Mischung aus praktical- und digital-Effects, setzt Emmerich bei Teil 2 hauptsächlich auf Bilder aus den Computer. Die wirken steril, kalt, fremd. Wenn Dubai auf London fällt sieht das nett, aber nicht annähernd glaubwürdig aus. Auch an dieser Stelle blieb mir die Welt fremd.
  • Der Schnitt. Das ist etwas, was mir bei Filmen dieser Größenordnung selten so deutlich ins Auge fällt, aber beim Filmschnitt ist hier irgendwas schief gelaufen. Die Schnittgeschwindigkeit ist extrem schnell, oft hatte ich das Gefühl, hier wurde ein deutlich längerer Film auf 120 Minuten zusammengestutzt. Das führt wie weiter oben schon beschrieben dazu, das man einigen Szenen kaum folgen kann, das es keine Magic-Moments und keine Charaktermomente gibt. Der Film hetzt einfach von einer Szene zur nächsten, ohne sich für irgendwas Zeit zu lassen. Zudem gibt es Sequenzen, die einfach nur eigenartig montiert wurden. Schon die erste Actionszene, bei der Liam Hemsworth eine Weltallbasis vor der Zerstörung durch einen umfallenden Turm beschützt, gibt die Richtung vor: zu keiner Zeit versteht man, was hier eigentlich worauf fällt, wer an der Misere Schuld ist und was Liam Hemsworth gerade eigentlich genau macht. Diese Problematik zieht sich durch den weiteren Film, immer wieder schafft der Cutter es nicht, den Film so zu montieren, das er für den Zuschauer eindeutig ist.

Ich denke, mein Problem mit Independence Day: Die Wiederkehr lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Charaktere die mich nicht interessieren machen Dinge, die ich nicht verstehe in einer Welt, die mir fremd ist.

Das es nicht nur mir so geht zeigt eindrucksvoll das weltweite Einspielergebnis. Wie Roland Emmerich bei seiner Erfahrung und bei der langen Vorlaufzeit des Drehbuchs ein solcher Film „passieren“ konnte ist für mich nicht ganz nachvollziehbar. Ich bin mir aber sicher, dass ihm die Probleme von Independence Day 2 bewusst sind und wünsche ihm, das dessen Misserfolg seine Karriere nicht allzu sehr in Mitleidenschaft zieht.

Wie immer sind Meinungen, Verbesserungen und Kritiken zu diesem Post gern gesehen!

 

– Alexander Schulz