Überschrift

Automatik war gestern – Die manuelle Bedienung einer Kamera

Jeden, den der Automatikmodus einer Kamera nicht mehr genügt, kommt schnell an den Punkt, an dem er sich mit der manuellen Bedienung auseinandersetzen muss. Leider endet bei vielen die Motivation auch genau hier, da die vielen Rädchen, Knöpfe und Einstellmöglichkeiten anfangs unüberschaubar scheinen. Dabei ist die komplett manuelle Bedienung sowohl einer Video- als auch einer Fotokamera (beide unterscheiden sich in diesem Punkt nicht) unkompliziert und schnell zu begreifen. Und vor allem ermöglicht sie deutlich bessere Bilder:

  • Die Belichtung eines Objektes lässt sich, gerade bei extremen Lichtverhältnissen, Gegenlicht oder Dunkelheit viel differenzierter einstellen
  • Die Tiefenschärfe/-unschärfe lässt sich sehr genau beeinflussen und als künstlerisches Mittel nutzen
  • Die Belichtungszeit ermöglicht extreme Kurz- oder Langzeitbelichtungen

Im Allgemeinen hat man durch die teilweise oder komplette manuelle Bedienung eine direkte Kontrolle darüber, wie das Bild am Ende aussieht. Es lohnt sich also, sich mit ihr auseinanderzusetzen, zumal das Fotografieren an sich dadurch nicht länger dauern wird. Im Gegenteil, beherrscht man die manuellen Funktionen erstmal, fotografiert man viel weniger Ausschuss und arbeitet insgesamt schneller.

Hier ein Beispiel für ein manuell belichtetes Foto, welches im Automatikmodus durch den extremen Kontrastunterschied von hellen zu dunklen Bereichen entweder vollkommen über- oder unterbelichtet worden wäre (ISO 160, Shutter 1/4000, Blende 1,4):

ISO160_Shutter1_4000

Aufs Wesentliche reduziert (und in vereinfachten Worten) gibt es beim Fotografieren eigentlich nur vier manuell zu bedienende Parameter:

  1. Schärfe – die meisten Kameras und Objektive erlauben einen Autofokus und damit fährt man auch in 90% aller Fälle gut (zumindest im Fotobereich, im Videosektor ist man bei der manuellen Schärfe oft besser aufgehoben). Wer also keine Lust auf händisches Schärfeziehen hat, kann diese Funktion ruhig auf „Auto“ stehen lassen.
  2. Blende/Iris – die Blende beeinflusst, wieviel Licht durch das Objektiv auf den Sensor der Kamera fällt. Man kann sie gut erkennen, wenn man direkt von vorne durch die Linse schaut. Dort sieht man eine Iris aus Metall, die sich öffnen und schließen kann. Umso weiter sie geöffnet ist (umso niedriger also der Blendenwert ist), umso mehr Licht fällt auf den Sensor, umso heller wird das Bild und umso geringer wird die Schärfentiefe.
  3. Belichtungszeit – diese Zeit gibt an, wie lang sich der Verschluss öffnet, um Licht auf den Sensor fallen zu lassen. Umso länger er offen ist, umso heller wird natürlich das Bild, aber umso mehr Bewegungsunschärfe entsteht auch. Ist er nur sehr kurz offen, zum Beispiel 1/1000 Sekunde, kann man beispielsweise bei einem Wasserfall jeden einzelnen Wassertropfen gestochen scharf erkennen. Ist der Shutter hingegen lange offen, zum Beispiel 1/2 Sekunde, verschwimmt der ganze Wasserfall zu einem eisähnlichen Gebilde.
  4. ISO/ASA-Wert – die elektronische Verstärkung, die angibt, wie „stark“ der Sensor der Kamera ausgelesen wird. Umso höher der Wert, umso heller das Bild. Allerdings werden auch die Fehler des Sensors (das elektronische Grundrauschen) dann deutlicher mit ausgelesen. Das ist der Grund, warum Nachtaufnahmen mit hohen ISO-Werten oft so verrauscht aussehen.

Wie geht man nun also vor, wenn man die Kamera manuell bedienen, also manuell belichten will?

In den meisten Fällen ist folgender Ablauf der Logischste:

Erst stellt man die Blende – je nach Motiv – danach ein, welche Schärfentiefe man haben will. Bei Porträtaufnahmen, die schön freigestellt vor unscharfen Hintergrund sein sollen, also eine sehr niedrige Blende wie beispielsweise 1,8, bei Landschaftsaufnahmen, die komplette Schärfe über das ganze Bild erfordern eine eher geschlossene Blende wie 5,6.

Hier zweimal das gleiche Motiv, links mit der relativ offenen Blende von 2,8, einer Belichtungszeit von 1/160 und ISO 80 und rechts mit einer geschlossenen Blende von 11, einer Belichtungszeit von 1/40 und ISO 320 (die längere Belichtungszeit und der höhere ISO Wert müssen hierbei das durch die geschlossene Blende dunklere Bild wieder aufhellen). Es ist deutlich zu sehen, wie die Blende die Schärfentiefe beeinflusst:

f2,8_1_160_ISO80 f11_1_40_ISO320

Als nächsten Schritt stellt man die Belichtungszeit so ein, dass das durch die Beeinflussung der Blende entstandene Bild die richtige Helligkeit bekommt. Will man also am heller lichten Tag ein Porträt mit niedriger Schärfentiefe, also weit offener Blende von 1,8 schießen, muss die Belichtungszeit sehr sehr kurz sein, um die durch die offene Blende entstandene Überbelichtung auszugleichen. Macht man hingegen eine Nachtaufnahme, vielleicht sogar noch mit eher geschlossener Blende, muss die Belichtungszeit sehr lang sein, um genug Licht auf den Sensor zu lassen.

Hat man Blende und Belichtungszeit eingestellt und das Bild ist immer noch zu dunkel (und wirklich nur dann!), kann man anfangen, die ISO-Werte hochzudrehen. Hier reagiert jede Kamera anders. Manche Kameras ermöglichen rauschfreie Bilder noch mit weit über 3000 ISO, bei manchen sind schon Bilder ab 800 ISO nur noch rauschender Matsch – hier heißt es ausprobieren. In den meisten Fällen gilt aber: desto niedriger der ISO-Wert, desto besser!

Hier ein Bild mit sehr hohem ISO-Rauschen (aufgenommen bei Nacht mit einer iPhone5s Kamera):

Isorauschen

Die Einstellungsreihenfolge Blende –> Belichtungszeit –> ISO variiere ich nur dann zu Belichtungszeit –> Blende –> ISO, wenn ich gezielt mit besonders langer oder kurzer Belichtungszeit einen Effekt erreichen will (Stichwort: Wasserfall). Im Großteil aller Fälle beginne ich aber mit der Blende.

Hier drei Bilder mit links sehr langer (25 Sekunden), mittig normaler (1/50) und rechts sehr kurzer Belichtungszeit (1/2000). Die Unterschiede in der Darstellung von bewegenden Objekten – in diesem Fall Wasser – ist deutlich zu sehen:

ISO 160_Shutter_25s  ISO160_Shutter_1_20 ISO 160_Shutter1_2000

Wie bekommt man nun aber raus, ob das Bild richtig belichtet ist? Meistens reicht dafür das Auge: ein Blick aufs Display der Kamera verrät, ob das Bild gut aussieht oder nicht. Hier sollte man besonders auf die Helligkeit der Haut achten (sofern man Menschen fotografiert) und darauf, ob irgendwelche Bereiche im Bild „absaufen“ (also nur noch schwarz sind) oder „ausbrennen“ (also nur noch weiß sind. Beides sollte – wenn möglich – vermieden werden.

Als Hilfsmittel bieten viele Kameras außerdem noch eine Zebra- und Histogrammfunktion. Das Zebra stellt ausbrennende Bereiche im Bild mit darübergelegten schwarz-weißen „Zebrastreifen“ dar. Ist das Bild also voller Zebrastreifen, ist es also offensichtlich zu hell. Das Histogramm stellt in einem Diagramm den Helligkeitsverlauf im Bild von dunkel zu hell dar. Hier kann man schauen, ob dunkle oder helle Bereiche über das Diagramm „herausragen“, also abgeschnitten werden. Auch das sollte vermieden werden.

Aber wie gesagt, in den meisten Fällen leistet das menschliche Auge in Kombination mit dem Kameradisplay gute Dienste und verrät einen schnell, ob noch nachjustiert werden muss.

Mit nur drei Einstellungen ist es also möglich, Bilder zu machen, die mit der Automatikfunktion so nicht möglich gewesen wären. Wie immer macht hier Übung den Meister, Ausprobieren lohnt sich aber auf alle Fälle!

– written by Alexander Schulz